Und wieder zehn Monate vorbei...zunehmend habe ich das Gefühl, dass die Zeit mit jedem Jahr schneller vergeht. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir. Erste (Lach-)fältchen, unreine Haut, beginnende körperliche Beschwerden. Bin dick fülliger igitt!!!!!!! geworden. Alles Jammern auf hohem Niveau oder möglicherweise auch First-World-Problems.
Möglicherweise auch der Rückschlag, den ich mir nicht eingestehen möchte.
Die Dummheit, zu glauben, ich könnte einfach einen Strich ziehen hinter alles, was ich erlebt habe. Meine Vergangenheit ausblenden. Ohne Therapeuten überleben. Lach. Hat ja gut geklappt.
Auf jeden Fall hat es gut geklappt, mir das alles einzureden. Hab' dieses Jahr so konsumfrei wie noch nie gelebt die letzten Jahre, sogar medikamentenfrei. Hab' meinen Jugendtraum wahr werden lassen, bin zur Bundeswehr gegangen. Hab' die Grundausbildung durchgezogen ohne Mucken und es war bei Gott nicht einfach. Viel Sport gemacht, auf Berge gegangen, in die Natur. Hab' bis auf ein ein paar Ausnahmen aufgehört zu Kotzen und esse regelmässig. Hab' aufgehört Kalorien zu zählen und mich selbst dafür zu verfluchen. Hab' keine aufgeschnittenen Arme mehr neuen Narben bekommen. Hab' lange nichtas mehr zerstört. Hab' einen wundervollen Mann an meiner Seite, den ich zur Abwechslung mal nicht belüge sondern ehrlich zu ihm bin. Weil ich es anfangs übermütig versprochen habe und mich an mein verfluchtes Wort halten muss.
Und wisst ihr was? Es kotzt mich an! Und wenn es mich nicht ankotzt, dann ist sie da wieder. Diese unermüdliche, gähnende Leere. Dieses normale Leben ist einfach nichts für mich, ich komme absolut nicht zurecht. Kann mit Ruhe und Glück nicht umgehen und warte innerlich auf das nächste nahende Unheil. Verliere zunehmend die Freude an allem was ich gerne gemacht habe, aber mache trotzdem weiter, weil ich weiß, dass es hilft. Oder mir schonmal geholfen hat. Hm..schon komisch dieses Leben.
Bin melancholisch, denke oft an vergangene Zeiten, vergangene Menschen. Vermisse sie dann kurz, aber weiß, dass alte Zeiten eben alt sind und vorbei.
Nun werde ich dreißig (verflucht) und weiß absolut nicht mehr als mit zwanzig. Das stimmt so auch nicht..
Naja..zumindest gefühlt.
Bin so unachtsam geworden.. früher konnte ich mich an so viele Dinge so detailliert erinnern, dass es von anderen als eine besondere Eigenschaft von mir deklariert wurde. Heute weiß ich manchmal gar nicht mehr, wann ich wo war, was in welchem Monat passiert ist. Und das, obwohl ich nüchtern bin. Erschreckend. Ich lebe, aber ich erlebe nichts mehr. Es ist, als ob alles in einem Rausch an mir vorbeizieht oder ich in einer Seifenblase durch die Welt schwebe. Beifahrer bei mir selbst.
Ist es wieder mal Zeit für den Zauberberg? NEIN schnellt es durch meinen Kopf. Sieben waren genug..dabei war ich "nur" sechs Mal da oben und das siebte in der Tagesklinik..
Ist es mir wirklich besser gegangen im letzten Jahr oder habe ich es mir einfach nur eingeredet? Jeden Tag auf's Neue. Weil es mir schonmal geholfen hat.
Ist es der Verlust dieser ganzen Menschen? Die mir enger und wichtiger waren als meine Familie? Oder die fehlende Familie selbst? Hatte ich diese Thematik nicht längst aufgearbeitet?
Wenn ich WhatsApp öffne, leuchten mir 45 ungelesene Chats entgegen.. plus die 31 auf dem alten iPhone. Hab' vor geraumer Zeit Push-Benachrichtigungen ausgeschaltet. Und es erscheint mir einfach gleichgültig. Desozialisiere ich? Mich unterbewusst selbst? Ich sehne mich nach Bindungen, aber habe gleichzeitig unglaubliche Angst davor. Ich isoliere mich lieber, als nochmal zu riskieren, so verletzt zu werden. Dabei weiß ich gar nicht mehr, was mich mehr verletzt hat. Am Ende ist es ja auch egal..
Meine konstante Beziehung über nun acht Monate kostet mich manchmal gefühlt alles an Menschlichkeit, was ich noch besitze. Weil er ein wirklich guter Mensch ist. Und weil ich ihn liebe, so wie mein kaputtes emotionales Erleben Liebe definieren würde.
Ich fühle mich so unglaublich müde...nach außen hin komme ich voll klar und führe ein gutes Leben, erscheine austherapiert oder zumindest so, als ob ich riesige Fortschritte gemacht hätte. Das habe ich auch, klar. Wenn ich vier, fünf Jahre zurückblicke, dann hat sich vieles erreicht und mir geht es offensichtlich besser oder zumindest lebe ich gesünder.
Aber innerlich fühle ich mich, als ob ich mich irgendwann Ende 2019 selbst begraben hätte und seither meinem verbliebenen Umfeld eine "geheilte" Version von mir selbst verkaufe.
So, wie ich jetzt bin, wollte ich eigentlich nie werden. So kalt, so stumpf, in vielen Dingen so egoistisch. Nach diesem Eintrag kann ich wohl sagen, dass es mir so zwar besser geht als vor zwei Jahren. Aber das liegt nicht daran, dass ich positivere Gefühle entwickelt habe. Es liegt einzig und allein daran, dass ich viele Dinge einfach gar nicht mehr fühle und das ist auch gut so.
Ich weine kaum noch, das war Früher so anders. Manchmal vermisse ich es. Dann finde ich mich nach zeitloser Dissoziation irgendwo sitzend oder liegend in meinem Zimmer wieder, innerlich schnürt sich alles zusammen und da ist wieder dieses altbekannte Brennen und dieser Schmerz und ich wünschte mir, ich könnte weinen und schreien und alles rauslassen. So wie Früher. Aber da kommt nichts.
Zwischen Vergessen und Verarbeiten liegen Welten.
Das Eine ist schwierig, das Andere erscheint mir schier unmöglich.
Kein Antrieb. Kein Bock auf dies, kein Bock auf das.
Kein verfluchter Plan.