Freitag, 29. Dezember 2017

Gone 4.0

DBT, Woche zwei, Tag vier. Komme gerade aus dem Männerklo (liegt am Ende Flurs wo mich hoffentlich niemand kotzen hört) nachdem ich mich vier Milka Schokokeksen, einer Tüte chinesischer „Moon Cracker“ und einer handvoll gesalzener frittierter Maiskörner entledigt habe. Ach ja nicht zu vergessen die Packung (=250!!g) Marzipan Röllchen. Für ne FA sogar echt vertretbar, wenn man bedenkt das ich vorher nur ein Brötchen mit veganem Aufstrich und keine ganze Portion Lachsfilet mit Gemüsereis gegessen habe. Von meinem Kampfgewicht von 62kg mit Klamotten mal ganz zu schweigen.
Die letzten Wochen haben an mir gezehrt. Aber psychisch noch mehr als körperlich. Whey, immerhin bin ich nur noch drei Kilo von meinem Traumgewicht entfernt. Kein Applaus für Scheisse.
Als ich heute morgen aufgestanden bin, bin ich beinahe wieder zurück ins Bett gefallen, weil mir schwarz vor Augen wurde. Ich mag dieses Gefühl. In solchen Momenten weiß ich wenigstens, dass ich tatsächlich noch lebe.
Angespannt auf dem Bett liegend, überlege ich ob ich dieses mich dreckig angrinsende Chilibonbon auf meinem Nachtisch in meinen Mund stecken soll, damit der Druck weg geht. Meine Anspannung ist so hoch, das ich mich noch niemals dazu in der Lage fühle. Ich würde mir in diesem Moment tatsächlich nichts lieber wünschen als mir die Arme so lange aufzuschneiden, bis dieser verfickte Druck weg geht. Oder ich ausgeblutet bin.
Warum muss es ausgerechnet heute schneien? Ich könnte gerade wirklich ausrasten. Mal abgesehen davon das ich als Patientin nicht fahren darf, könnte ich noch mehr ausrasten als mir bewusst wird das meine eigene Trägheit schuld daran ist, das ich mich in dieser scheinbar ausweglosen Situation befinde. Wenn ich doch nur nach Hause fahren könnte um mir eine zusätzliche Ration Tabletten zu beschaffen.
Mindestdosis Medikamente, kein Konsum, kein SVV. Dazu schwarzer Ritter im Suicide Modus.
Dieses DBT ist die verdammt noch mal beschissenste und vor allem härteste Therapie meines Lebens.
Wirklich.
Das dachte ich letztes Jahr schon, aber da war es tatsächlich ein Überlebenskampf. Der war hart, keine Frage. Aber hier geht es darum, mein Verhalten, vor allem mein Fehlverhalten(=selbstschädigend) grundlegend zu ändern.
Und als wenn es nicht schon schwierig genug ist, mich meiner geliebten fünfundzwanzig Jahre lang mühsam antrainierten Marotten zu entledigen, kommt dazu noch mein gehasster geliebter Ritter.

Ich weiss, ich bin manipulativ.
Ich weiss, ich erpresse emotional.
Ich weiss, ich denke schwarz-weiss.
Ich weiss, ich habe einen Hang zum übertreiben.
Und ich weiss, ich lege Dinge gerne zu meinen Gunsten aus.

Aber am sichersten weiss ich, dass ich diese eine Person, die Liebe meines Lebens, um keinen Preis der Welt aufgeben würde und egal was zwischen uns stünde, ich würde Ihn unterstützen. Ihn immer aufrichtig lieben und zu Ihm stehen, komme was wolle.
Und nach allem was war, hätte ich gedacht, es wäre anders herum genau so. Aber wieder einmal muss ich feststellen, dass meine Erwartungshaltung zu hoch ist.
Ist es zu viel erwartet, wenn ich mir wünsche das mein Prinz mir in dieser schweren Zeit meine Hand hält und für mich da ist?

Zwei Wochen kein Kontakt. Wird ihm alles zu viel und er muss selbst klar kommen, braucht Ruhe. Ruhe vor mir.
Ich verstehe, dass der Vorfall mit dem Parasuizidalem Tabletten-Koma und die Zeit danach Ihm schwer zusetzten.
Aber ich hatte gedacht, dass die Liebe, Unsere Liebe, stark genug gewesen wäre dies alles gemeinsam durchzustehen.
Und so sitze ich hier, nicht wissend was passiert, mir alle Szenarien die ich nicht sehen will im Kopf herum geisternd. Kopfkino, ohne Ende. Es macht mich verrückt. Ich bin verrückt. Gedanken rasen, ich kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Hilflos, ja hilflos.
Wo? Mit wem? Wieso nur?

Oh geliebter Prinz, verblendet durch deinen Rausch kannst du dir nicht annähernd vorstellen, welch Folter du mir bereitest. Oder vielleicht weisst du genau dies. Ich will nicht wissen, welches von beiden mich mehr zerstören würde. Aber jetzt gerade in diesem Moment zerstört es alles in mir, diese Unwissenheit. Wie konntest du mich in dieser Situation so alleine lassen? Kurz vor der verhassten Jahreswende? Nachdem ich jeden Tag in liebevoller Handrbeit dein Weihnachtsgeschenk vorbereitete? Dir die ewige Liebe schwor?
Wie konntest du mich, zum vierten Mal, alleine lassen gerade jetzt wo ich hier gefangen bin?
Bin ich Dir Deiner Liebe nicht wert?

Und in genau diesem Moment wird mir auf die schmerzhafte Weise klar: ich hatte erneut Alles gegeben und ebenso verloren. Ich bin allein.
Mein Herz bleibt kurz stehen und schlägt dann viel zu schnell weiter, mein Atem stockt, ich springe auf und renne erneut zur Toilette während die Tränen meine Wangen herunter rinnen.

Später würde ich bereuen die einzige Beruhigungstablette ausgekotzt zu haben, die mir hier zusteht.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Do. 14.12.2017, ca 9:30


Während ich, wie es sich für diese Uhrzeit üblicherweise für mich gehört, den bitteren Nachgeschmack meiner pulverisierten Tabletten mit dem guten Krüger Family Cappuccino herunter spülend auf der verdreckten durchgesessen Couch im Reich des schwarzen Ritters (und nun auch meinem) langsam erwache, klingelt unüblicherweise mein iPhone. Von zunehmenden Paranoia geplagt blicke ich argwöhnisch auf das Display. Die ersten Ziffern kenne ich doch.
Und noch bevor ich den Anruf entgegen nehme weiß ich genau Bescheid:

Der nun fünfte Aufenthalt in der Klapse steht unmittelbar vor der Tür.

Schon nächsten Dienstag?“ rauscht es mir deutlich erschrockener über die Lippen, als ich es selbst von mir erwartet hätte.
Das sind nur noch FÜNF verfickte Nächte. Panik kommt in mir auf, Schnappatmung, sie schnürt mir die Luft zum atmen ab.
Und Film ab. Bilderrauschen. Die letzten Wochen und Monate, eine Achterbahnfahrt Talabwärts.

Es war so unglaublich schön, zum ersten mal in meinem Leben für sagenhafte sechs Monate das Gefühl gehabt zu haben, bei sich selbst angekommen zu sein, glücklich und vollkommen zu sein.

Und ich bin so unendlich dankbar diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen!

Und dann?
Gemeinsames Reich mit dem Prinzen= schwarzer Ritter. Die letzten Wochen zumindest wieder. Nach diesem Anruf: der Prinz.
Und ich? Erst Prinzessin, dann unzufriedenes Prinzess´chen, dann zunehmend verlorene Seele. Die Narben auf meinen Armen wurden zunehmend mehr, und es ist erschreckend wenn ich daran denke wie viel Blut zuletzt geflossen ist, gerade weil ich früher Angst davor hatte zu tief zu schneiden und nur etwas „ritzte“ für das Schmerz empfinden oder meinen Körper wirklich zu spüren.

Kontrollverlust.

Kontrollverlust war es ebenfalls als ich vor Wut Gegenstände durch die Gegend schmiss und zerstörte, dissoziierte ohne später zu wissen was wirklich passierte und es nur an den Spuren der Verwüstung fest machen konnte; Kontrollverlust als ich einen ganzen Blister meiner Beruhigungstabletten schluckte, ohne zu wissen was danach passieren würde. Einfach weil es mir egal war.
Der Nachteil wenn man bereits ein, oder in meinem Fall drei mal, fast gestorben ist, ist: Du hast keine Angst mehr vor dem Tod. Denn auch wenn du überlebst, und sei dir gewiß es hat auch einen riesen Vorteil: Du schätzt dein beschissen wertloses Leben endlich mal, du hast keine Angst mehr vor dem Tod. Und die solltest du in gewissen Situationen haben, wenn du wie ich an einer Impulskontrollstörung leidest und dir an manchen Tagen im Minutentakt die Sicherungen durchbrennen.

Vor allem habe ich das Gefühl, dass sich seit ich aufgehört habe regelmäßig zu konsumieren, meine anderen „Ausfallerscheinungen“ regelrecht dupliziert haben. (Von dem nasalen Konsum meiner morgendlichen Medikation mal abgesehen, welcher meiner Meinung nach lächerlich ist wenn man mal nüchtern, haha, betrachtet was ich meinem mittlerweile zierlichen Körper alles einverleibt habe.)
Da könnte ich jedes mal erneut meinen Kopf gegen die Wand schlagen vor Wut. Wofür mache ich diese ganze Scheisse eigentlich, hört man mit dem einen auf wird das andere wieder mehr.
Mehr Drogen – weniger Gefühle. - weniger (fr)essen. -mehr Selbstwert. - weniger SVV. - Weniger Drogen. - mehr Gefühle. - mehr FRESSEN. wenig bis kein Selbstwert. - deutlich mehr SVV. - vernarbte Arme. - Stress. - Probleme. - ___FAIL!___

Das alles sollte mir doch den Anreiz geben völlig übermotiviert in meine verfickte fünfte und hoffentlich letzte Therapie zu starten.
Zwölf Wochen. Zwölf laaaange Wooochen. Auf den Tag genau. Vierundachtzig Tage und Nächte.

Ja ich habe mich tatsächlich zwischenzeitlich in irgendeiner abstrakten Art und Weise auf diese Zeit gefreut, als ich mich erneut erschlagen vom Alltag fühlte und vor diesem flüchten wollte. Inclusive Flucht vor dem Prinzen; auf welchen ich zeitweise auch gerne den Ursprung allen Übels schiebe (meiner Meinung nach gerechtfertigt, da er sich selbst so bezeichnet).
Das traurige was ich in diesen Minuten nach dem Anruf meiner Lieblingsklinik merkte: das beschissene Problem an der ganzen Sache ist, dass man nicht vor sich selbst fliehen kann und ich so meine Therapie-Reise mit dem größten aller Probleme im Schlepptau antreten werden müsse: mir selbst.
Und in genau diesem Moment werde ich noch ein bisschen panischer und wünsche mir, ich hätte diese Therapie niemals beantragt.

Ich will doch einfach nur die Prinzessin sein deren Hand von der des Prinzens gehalten wird in dem Luftschloss das es nicht gibt und nicht die verlorene Seele die auf dem verdreckten durchgesessenen Sofa über ihren Alltag klagt und sich und den schwarzen Ritter abgrundtief hasst.