Dienstag, 26. Dezember 2017

Do. 14.12.2017, ca 9:30


Während ich, wie es sich für diese Uhrzeit üblicherweise für mich gehört, den bitteren Nachgeschmack meiner pulverisierten Tabletten mit dem guten Krüger Family Cappuccino herunter spülend auf der verdreckten durchgesessen Couch im Reich des schwarzen Ritters (und nun auch meinem) langsam erwache, klingelt unüblicherweise mein iPhone. Von zunehmenden Paranoia geplagt blicke ich argwöhnisch auf das Display. Die ersten Ziffern kenne ich doch.
Und noch bevor ich den Anruf entgegen nehme weiß ich genau Bescheid:

Der nun fünfte Aufenthalt in der Klapse steht unmittelbar vor der Tür.

Schon nächsten Dienstag?“ rauscht es mir deutlich erschrockener über die Lippen, als ich es selbst von mir erwartet hätte.
Das sind nur noch FÜNF verfickte Nächte. Panik kommt in mir auf, Schnappatmung, sie schnürt mir die Luft zum atmen ab.
Und Film ab. Bilderrauschen. Die letzten Wochen und Monate, eine Achterbahnfahrt Talabwärts.

Es war so unglaublich schön, zum ersten mal in meinem Leben für sagenhafte sechs Monate das Gefühl gehabt zu haben, bei sich selbst angekommen zu sein, glücklich und vollkommen zu sein.

Und ich bin so unendlich dankbar diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen!

Und dann?
Gemeinsames Reich mit dem Prinzen= schwarzer Ritter. Die letzten Wochen zumindest wieder. Nach diesem Anruf: der Prinz.
Und ich? Erst Prinzessin, dann unzufriedenes Prinzess´chen, dann zunehmend verlorene Seele. Die Narben auf meinen Armen wurden zunehmend mehr, und es ist erschreckend wenn ich daran denke wie viel Blut zuletzt geflossen ist, gerade weil ich früher Angst davor hatte zu tief zu schneiden und nur etwas „ritzte“ für das Schmerz empfinden oder meinen Körper wirklich zu spüren.

Kontrollverlust.

Kontrollverlust war es ebenfalls als ich vor Wut Gegenstände durch die Gegend schmiss und zerstörte, dissoziierte ohne später zu wissen was wirklich passierte und es nur an den Spuren der Verwüstung fest machen konnte; Kontrollverlust als ich einen ganzen Blister meiner Beruhigungstabletten schluckte, ohne zu wissen was danach passieren würde. Einfach weil es mir egal war.
Der Nachteil wenn man bereits ein, oder in meinem Fall drei mal, fast gestorben ist, ist: Du hast keine Angst mehr vor dem Tod. Denn auch wenn du überlebst, und sei dir gewiß es hat auch einen riesen Vorteil: Du schätzt dein beschissen wertloses Leben endlich mal, du hast keine Angst mehr vor dem Tod. Und die solltest du in gewissen Situationen haben, wenn du wie ich an einer Impulskontrollstörung leidest und dir an manchen Tagen im Minutentakt die Sicherungen durchbrennen.

Vor allem habe ich das Gefühl, dass sich seit ich aufgehört habe regelmäßig zu konsumieren, meine anderen „Ausfallerscheinungen“ regelrecht dupliziert haben. (Von dem nasalen Konsum meiner morgendlichen Medikation mal abgesehen, welcher meiner Meinung nach lächerlich ist wenn man mal nüchtern, haha, betrachtet was ich meinem mittlerweile zierlichen Körper alles einverleibt habe.)
Da könnte ich jedes mal erneut meinen Kopf gegen die Wand schlagen vor Wut. Wofür mache ich diese ganze Scheisse eigentlich, hört man mit dem einen auf wird das andere wieder mehr.
Mehr Drogen – weniger Gefühle. - weniger (fr)essen. -mehr Selbstwert. - weniger SVV. - Weniger Drogen. - mehr Gefühle. - mehr FRESSEN. wenig bis kein Selbstwert. - deutlich mehr SVV. - vernarbte Arme. - Stress. - Probleme. - ___FAIL!___

Das alles sollte mir doch den Anreiz geben völlig übermotiviert in meine verfickte fünfte und hoffentlich letzte Therapie zu starten.
Zwölf Wochen. Zwölf laaaange Wooochen. Auf den Tag genau. Vierundachtzig Tage und Nächte.

Ja ich habe mich tatsächlich zwischenzeitlich in irgendeiner abstrakten Art und Weise auf diese Zeit gefreut, als ich mich erneut erschlagen vom Alltag fühlte und vor diesem flüchten wollte. Inclusive Flucht vor dem Prinzen; auf welchen ich zeitweise auch gerne den Ursprung allen Übels schiebe (meiner Meinung nach gerechtfertigt, da er sich selbst so bezeichnet).
Das traurige was ich in diesen Minuten nach dem Anruf meiner Lieblingsklinik merkte: das beschissene Problem an der ganzen Sache ist, dass man nicht vor sich selbst fliehen kann und ich so meine Therapie-Reise mit dem größten aller Probleme im Schlepptau antreten werden müsse: mir selbst.
Und in genau diesem Moment werde ich noch ein bisschen panischer und wünsche mir, ich hätte diese Therapie niemals beantragt.

Ich will doch einfach nur die Prinzessin sein deren Hand von der des Prinzens gehalten wird in dem Luftschloss das es nicht gibt und nicht die verlorene Seele die auf dem verdreckten durchgesessenen Sofa über ihren Alltag klagt und sich und den schwarzen Ritter abgrundtief hasst.

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