Sonntag, 28. April 2019

Kill the pain


Die hellgrünen Blätter der (schätzungsweise) Birken wehen leicht in einer sanften Aprilbrise, während ich die letzten Reste meiner geliebten Käsechips verknuspere und meine Blicke zwischen den Birkenbäumen über das Gelände meiner geliebten Psychiatrie hinweg ins Leere gleiten. Wirklich einfach fällt es mir nicht, zu schreiben. Zumindest geht es mir nicht so leicht von den Fingern oder eher gesagt aus der Seele, wie früher. Innerlich bin ich am brennen, da der schwarze Ritter seit heute Nacht nur einen Empfangshaken an meiner letzten Nachricht hat, für mich ein klares Indiz dafür, dass er bei irgendeiner Hure, verfickte Hure ich HASSE IHN ok, entweder ist er nicht zuhause oder er schläft. Und selbst wenn er im Bordell wäre, hätte es mich nicht zu interessieren. 

Tut es auch nicht! Egal, wen er fickt. Aber es interessiert mich, ob er eine ganze Nacht inklusive des nächsten Tages bei einer anderen Frau verbringt und mit ihr redet! UND ES BRINGT MICH UM. 

Ich hasse ihn dafür. Und mich. Dabei befinde ich mich nicht im Geringsten in einer Position, auch nur irgendeinen Groll zu hegen. Es ist keine vierundzwanzig Stunden her, dass ich mich zweimal von Vian (wer ist Vian? Siehe Juni 2015, aktueller Post folgt) hab vögeln lassen und keine Woche, dass ich eine Menge Geld, den pompösesten Rosenstrauß, den ich je gesehen habe und originale, in einer Samtschachtel verpackte, Belgische Pralinen gegen ein paar Stunden vorgetäuschter Liebe getauscht habe. Gestern habe ich mir eine Crossmaschine gekauft, war die letzten drei Monate in Amsterdam, den französischen Alpen und Österreich im Urlaub. Treffe Freunde, habe mehr Freude als Zeit. Bevor ich meine Reise in die Klinik angetreten habe, kann ich die Tage, an denen ich nichts konsumiert habe, und damit meine ich nicht meine Psychopharmaka, an zwei bis drei Händen abzählen. Abgesehen von den super erfolgreichen drei Wochen Kalten Entzuges zuhause Ende Januar. 

Diese Welt ist so hässlich und grau und das Leben verdammt hart. Naja, mancher Schwanz ist härter, aber am allerhärtesten ist die Tatsache, dieser abgefuckten egoistischen Welt jeden Morgen allein entgegen zu treten, wieder aufzustehen und versuchen, weiter zu machen. 

Ich kann machen was ich will, nichts hilft. Auf Dauer zumindest. NICHTS vermag dieses widerwärtige, hässlich gähnende Loch in mir zu stopfen, das seit Weihnachten dortgeblieben ist, wo einst mein Leben war. Es macht mich mittlerweile aber nicht mehr nur traurig, sondern zunehmend wütend, dass ich SO viel investiert habe in diesen Menschen, den schwarzen Ritter. Vermutlich geht es ihm genauso wie mir, wenn nicht beschissener. Zumindest sah er das letzte Mal stark danach aus. Drown in the pain. 

Aber ich habe nicht während unserer Beziehung mit einer anderen Frau geschlafen, während ich das Leid Christi in der ersten Entgiftung meines Lebens gemimt habe. Keine zwei Monate nachdem ich unser Kind verloren habe, nach einem eskalierten Streit. Ich habe mich nicht angelogen und Schulden in Höhe von 90.000€ verschwiegen, während wir über Hochzeit und ein eigenes Haus geredet haben. Ich habe diesen Traum nicht aufgegeben. Ich habe mich nicht so lange angeschrien, bis ich mir die Arme so tief aufgeschnitten habe, dass das Blut den Boden bedeckt hat, wieder und wieder. Mal für Mal. Lüge um Lüge. 

Mir kommt die Galle hoch. Oder der Stationskuchen vom Sonntagstisch, der Knoppersriegel, das Bueno und die Käsechips gleichzeitig. 

(…)

Abgefuckt und leer lasse ich mich wieder kraftlos auf den Holzstuhl in meinem Patientenzimmer fallen. Diese Fressanfälle sind auch nicht mehr das was sie mal waren. Glücklicher Weise halten sich diese bulimischen Attacken mittlerweile so sehr in Grenzen, dass es (normalerweise) nicht häufiger als einmal in ein bis zwei Wochen vorkommt.
Naja, immerhin sind meine Gedanken ein klein wenig klarer und ich bin zwar immer noch frustriert, aber nicht mehr so wütend und traurig wie zuvor. Ein paar Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke und auch ich denke mir, dass es weiter gehen muss. Das Leben geht weiter. Auch wenn ich ihn so furchtbar vermisse. 

Aber Tag für Tag wird mir klarer, dass es ein Traum ist, den ich vermisse. Nicht die Person, die diese Illusion erzeugt hat, in Lügen gebettet. Und das macht das ganze zwar nicht besser, aber erträglicher. Und diese schwachen Momente, so wie heute, werden auch weniger. Vergessen werde ich die Liebe meines Lebens wohl nie und das will ich auch gar nicht, egal ob fake oder echt. Meine Gefühle waren echt, immer. Und meine Liebe war immer echt und bedingungslos.  Ich schätze es sehr, diese Erfahrung gemacht zu haben in diesem Leben und will diese Erinnerungen nicht vergessen. Genauso wenig, wie ich irgendeine Erfahrung, die ich gemacht habe, bereue. Sie haben mich alle stärker gemacht und zu dem Menschen, der ich heute bin. 

Und vielleicht werde ich eines Tages wieder in der Lage sein, Gefühle zuzulassen oder Menschen zu vertrauen. Noch liegt dieser Tag in unverkennbarer Ferne, aber auch das ist okay.
Bis dahin dümple ich weiter in dem derzeitigen Sumpf aus wechselseitiger Euphorie und bitterböser Frustration vor mich hin, während ich mein Abitur mit 1.0 abschließen werde. Immerhin ist durch diesen Post meine Anspannung so weit gesunken, dass ich nun hoffentlich weiter für meine Klausur morgen lernen kann. 

Verdammte scheiße, ich will Psychiaterin werden. Aber je mehr Erfahrungen ich mache, solange ich sie erfolgreich absolviere und nicht in diesem Loch hängen bleibe, desto mehr kann ich später an die Menschen weitergeben, denen ich in den Zeiten beistehen werde, wo ich mir jemanden gewünscht hätte, der mich an der Hand hält und sagt: 

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende. 

Du schaffst das!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen