Die
hellgrünen Blätter der (schätzungsweise) Birken wehen leicht in einer sanften
Aprilbrise, während ich die letzten Reste meiner geliebten Käsechips
verknuspere und meine Blicke zwischen den Birkenbäumen über das Gelände meiner
geliebten Psychiatrie hinweg ins
Leere gleiten. Wirklich einfach fällt es mir nicht, zu schreiben. Zumindest
geht es mir nicht so leicht von den Fingern oder eher gesagt aus der Seele, wie früher. Innerlich bin ich am
brennen, da der schwarze Ritter seit
heute Nacht nur einen Empfangshaken an meiner letzten Nachricht hat, für mich
ein klares Indiz dafür, dass er bei irgendeiner Hure, verfickte Hure ich
HASSE IHN ok, entweder ist er nicht zuhause oder er schläft. Und selbst
wenn er im Bordell wäre, hätte es mich nicht zu interessieren.
Tut es auch nicht! Egal, wen er fickt.
Aber es interessiert mich, ob er eine ganze Nacht inklusive des nächsten Tages
bei einer anderen Frau verbringt und mit ihr redet! UND ES BRINGT MICH UM.
Ich hasse ihn dafür. Und mich. Dabei befinde
ich mich nicht im Geringsten in einer Position, auch nur irgendeinen Groll zu
hegen. Es ist keine vierundzwanzig Stunden her, dass ich mich zweimal von Vian (wer ist Vian? Siehe Juni 2015, aktueller
Post folgt) hab vögeln lassen und keine Woche, dass ich eine Menge Geld,
den pompösesten Rosenstrauß, den ich je gesehen habe und originale, in einer
Samtschachtel verpackte, Belgische Pralinen gegen ein paar Stunden
vorgetäuschter Liebe getauscht habe. Gestern habe ich mir eine Crossmaschine
gekauft, war die letzten drei Monate in Amsterdam, den französischen Alpen und
Österreich im Urlaub. Treffe Freunde, habe mehr Freude als Zeit. Bevor ich
meine Reise in die Klinik angetreten habe, kann ich die Tage, an denen ich
nichts konsumiert habe, und damit meine
ich nicht meine Psychopharmaka, an zwei bis drei Händen abzählen. Abgesehen
von den super erfolgreichen drei
Wochen Kalten Entzuges zuhause Ende Januar.
Diese
Welt ist so hässlich und grau und das Leben verdammt hart. Naja, mancher
Schwanz ist härter, aber am allerhärtesten ist die Tatsache, dieser abgefuckten
egoistischen Welt jeden Morgen allein
entgegen zu treten, wieder aufzustehen und versuchen,
weiter zu machen.
Ich kann machen was ich will, nichts hilft. Auf
Dauer zumindest. NICHTS vermag dieses widerwärtige, hässlich gähnende Loch
in mir zu stopfen, das seit Weihnachten dortgeblieben ist, wo einst mein Leben war. Es macht mich mittlerweile
aber nicht mehr nur traurig, sondern zunehmend wütend, dass ich SO viel
investiert habe in diesen Menschen, den schwarzen
Ritter. Vermutlich geht es ihm genauso wie mir, wenn nicht beschissener.
Zumindest sah er das letzte Mal stark danach aus. Drown in the pain.
Aber ich habe nicht während unserer
Beziehung mit einer anderen Frau geschlafen, während ich das Leid Christi in
der ersten Entgiftung meines Lebens gemimt habe. Keine zwei Monate nachdem ich unser
Kind verloren habe, nach einem eskalierten Streit. Ich habe mich nicht
angelogen und Schulden in Höhe von 90.000€ verschwiegen, während wir über
Hochzeit und ein eigenes Haus geredet haben. Ich habe diesen Traum nicht
aufgegeben. Ich habe mich nicht so lange angeschrien, bis ich mir die Arme so
tief aufgeschnitten habe, dass das Blut den Boden bedeckt hat, wieder und wieder.
Mal für Mal. Lüge um Lüge.
Mir kommt
die Galle hoch. Oder der Stationskuchen vom Sonntagstisch, der Knoppersriegel,
das Bueno und die Käsechips gleichzeitig.
(…)
Abgefuckt
und leer lasse ich mich wieder
kraftlos auf den Holzstuhl in meinem Patientenzimmer fallen. Diese Fressanfälle sind auch nicht mehr
das was sie mal waren. Glücklicher Weise halten sich diese bulimischen
Attacken mittlerweile so sehr in Grenzen, dass es (normalerweise) nicht
häufiger als einmal in ein bis zwei Wochen vorkommt.
Naja,
immerhin sind meine Gedanken ein klein wenig klarer und ich bin zwar immer noch
frustriert, aber nicht mehr so wütend und traurig wie zuvor. Ein paar
Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke und auch ich denke mir, dass es
weiter gehen muss. Das Leben geht weiter.
Auch wenn ich ihn so furchtbar
vermisse.
Aber Tag
für Tag wird mir klarer, dass es ein Traum ist, den ich vermisse. Nicht die
Person, die diese Illusion erzeugt hat, in Lügen gebettet. Und das macht das
ganze zwar nicht besser, aber erträglicher. Und diese schwachen Momente, so wie
heute, werden auch weniger. Vergessen werde ich die Liebe meines Lebens wohl
nie und das will ich auch gar nicht, egal ob fake oder echt. Meine Gefühle waren echt, immer. Und meine Liebe war immer echt und bedingungslos. Ich schätze es sehr, diese Erfahrung gemacht
zu haben in diesem Leben und will diese Erinnerungen nicht vergessen. Genauso
wenig, wie ich irgendeine Erfahrung, die ich gemacht habe, bereue. Sie haben
mich alle stärker gemacht und zu dem Menschen, der ich heute bin.
Und
vielleicht werde ich eines Tages wieder in der Lage sein, Gefühle zuzulassen
oder Menschen zu vertrauen. Noch liegt dieser Tag in unverkennbarer Ferne, aber
auch das ist okay.
Bis dahin
dümple ich weiter in dem derzeitigen Sumpf aus wechselseitiger Euphorie und
bitterböser Frustration vor mich hin, während ich mein Abitur mit 1.0
abschließen werde. Immerhin ist durch diesen Post meine Anspannung so weit
gesunken, dass ich nun hoffentlich weiter für meine Klausur morgen lernen kann.
Verdammte scheiße, ich will Psychiaterin
werden. Aber je mehr Erfahrungen ich mache, solange ich sie erfolgreich
absolviere und nicht in diesem Loch hängen bleibe, desto mehr kann ich später
an die Menschen weitergeben, denen ich in den Zeiten beistehen werde, wo ich
mir jemanden gewünscht hätte, der mich an der Hand hält und sagt:
Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht
gut ist, dann ist es nicht das Ende.
Du schaffst das!
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