Donnerstag, 12. Januar 2017

Therapie || Ankunft

Therapie //Ankunft

Ja, es war wirklich die beste Entscheidung in meinem Leben. O.K., nicht ganz meine eigene, aber ich hätte immer noch auf die Barrikaden gehen können und die beiden guten Feen weg schicken oder selbst die Flucht ergreifen. Wo ich jetzt darüber nachdenke, runzle ich die Stirn: tief in mir drin irgendwo hinter oder in dieser riesengroßen Leere muss dieser klitzekleine Funke Hoffnung noch gesteckt haben, sonst wäre ich einfach weg gelaufen.

Montag, fünfter November 2016
Ich hatte mich gegen meinen gegenwärtigen vermutlich durch Konsum unzurechnungsfähigen Willen entschieden. Für mein Leben.
Und in diesem Moment fühlte ich es. Kapitulation. Aufgabe, von was? Meinem Willen aufzugeben oder vor mir selbst?
Die Straßen ziehen an mir vorbei und meine Gedanken verknoten sich, lösen sich auf und ziehen in die Dunkelheit bis neue Knoten sich bilden.
Klar denken ist eh nicht mehr nach zweiundsechzig Stunden ohne Schlaf und 600mg MDMA, das weiße Pulver zähle ich gar nicht erst.
Als der Arzt in der Aufnahme mich fragt wieso ich hier bin zucke ich mit den Schultern und sage meine zwei Feen hielten e für eine gute Idee nachdem sie mich mit aufgeschnittenem Arm ein wenig verstört in meinem Zimmer ,,gefunden´´ hatten.
,,Suizidgedanken?´´ -,,Ja, aber keine Absichten. Möchte vorher meine Ausbildung beenden und meine Schulden abbezahlen.´´ Er lachte mich aus als ich sagte sie befinden sich im mittleren vierstelligen Bereich. Wixxer Arschloch. Dicker, hässlicher Türke.
Keine halbe Stunde später betrete ich die geschlossene Suchtstation, die guten Feen tragen mir meine Taschen hinterher die sie mir liebevoll mit Kleidung und Beschäftigungsutensilien gepackt haben.
Mein Blick schweift durch die Station, soweit ich es erkennen kann hat sich hier in den letzten dreiundzwanzig Monaten nichts verändert. Ich schließe die Augen und atme tief ein, dabei muss ich hämisch in mich hinein grinsen, welch Ironie.
Es ist schon ziemlich spät, kein Plan wie viel Uhr genau, aber glaube wir sind gegen halb neun abends los gefahren. Zu schwach noch auf mein iPhone zu gucken, scheiße ich darauf meine Sachen durchsuchen zu lassen und lasse den ganzen Krempel vorne liegen. Nachdem ich die beiden Feen verabschiedet habe bin ich Gott oder welch erhabene Macht auch immer dort oben wachen oder nicht wachen mag dankbar dafür das ich die erste Nacht nicht so wie letztes mal auf dem Flur unter Beobachtung schlafen muss. Und noch ein mal mehr als ich in der Dunkelheit während ich mein Zimmer betrete erkenne das keine andere Gestalt im zweiten Bett liegt.
Endlich Ruhe.
Zum Glück habe ich während der Fahrt hierher meine letzte Schlaftablette genommen, für den Fall das ich hier nichts mehr bekomme. Ich lasse mich in den Klamotten die ich seit Sonntag morgen anhabe auf´s Bett fallen und ergebe mich meiner Müdigkeit.
Endlich schlafen.

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Heute, Mittwoch der 11. Januar 2017
Fünf Wochen und zwei Tage später sitze ich im Aufenthaltsbereich der offenen Station und bekomme mich vor lachen fast nicht mehr ein. Es sind viele Gesichter gekommen und gegangen, ich habe viele Höhen und noch mehr Tiefen erlebt und der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Aber die erste Schlacht ist geschlagen und gerade in diesem Moment kann ich wirklich eine Art von Freude fühlen. Auch wenn diese Leere immer noch da ist und ich meistens gar nichts fühle, weder Menschen noch bestimmte Ereignisse können Gefühle in mir auslösen. Aber ich kann wieder lachen und mich für einen Moment freuen hier zu sein mit diesen Menschen die alle ihre eigene Geschichte haben und ihren eigenen Krieg führen mit sich selber. Jeder ist kaputt auf seine eigene Art und Weise, aber wunderschön kaputt.

Denn wir sind alle Kunst, gezeichnet vom Leben.


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