Therapie //Ankunft
Ja, es war wirklich die
beste Entscheidung in meinem Leben. O.K., nicht ganz meine eigene,
aber ich hätte immer noch auf die Barrikaden gehen können und die
beiden guten Feen weg schicken oder selbst die Flucht ergreifen. Wo
ich jetzt darüber nachdenke, runzle ich die Stirn: tief in mir drin
irgendwo hinter oder in dieser riesengroßen Leere muss dieser
klitzekleine Funke Hoffnung noch gesteckt haben, sonst wäre ich
einfach weg gelaufen.
Montag, fünfter
November 2016
Ich
hatte mich gegen meinen gegenwärtigen vermutlich
durch Konsum unzurechnungsfähigen
Willen entschieden. Für mein Leben.
Und
in diesem Moment fühlte ich es. Kapitulation.
Aufgabe, von was? Meinem Willen aufzugeben oder vor mir selbst?
Die Straßen ziehen an mir vorbei und meine Gedanken verknoten sich,
lösen sich auf und ziehen in die Dunkelheit bis neue Knoten sich
bilden.
Klar
denken ist eh nicht mehr nach
zweiundsechzig Stunden ohne Schlaf und 600mg MDMA, das weiße Pulver
zähle ich gar nicht erst.
Als der Arzt in der Aufnahme mich fragt wieso ich hier bin zucke ich
mit den Schultern und sage meine zwei Feen hielten e für eine gute
Idee nachdem sie mich mit aufgeschnittenem Arm ein wenig verstört in
meinem Zimmer ,,gefunden´´ hatten.
,,Suizidgedanken?´´
-,,Ja, aber keine Absichten. Möchte vorher meine Ausbildung beenden
und meine Schulden abbezahlen.´´ Er lachte mich aus als ich sagte
sie befinden sich im mittleren vierstelligen Bereich. Wixxer
Arschloch. Dicker, hässlicher Türke.
Keine halbe Stunde später betrete ich die geschlossene Suchtstation,
die guten Feen tragen mir meine Taschen hinterher die sie mir
liebevoll mit Kleidung und Beschäftigungsutensilien gepackt haben.
Mein Blick schweift durch die Station, soweit ich es erkennen kann
hat sich hier in den letzten dreiundzwanzig Monaten nichts verändert.
Ich schließe die Augen und atme tief ein, dabei muss ich hämisch in
mich hinein grinsen, welch Ironie.
Es ist schon ziemlich spät, kein Plan wie viel Uhr genau, aber
glaube wir sind gegen halb neun abends los gefahren. Zu schwach noch
auf mein iPhone zu gucken, scheiße ich darauf meine Sachen
durchsuchen zu lassen und lasse den ganzen Krempel vorne liegen.
Nachdem ich die beiden Feen verabschiedet habe bin ich Gott oder
welch erhabene Macht auch immer dort oben wachen oder nicht wachen
mag dankbar dafür das ich die erste Nacht nicht so wie letztes mal
auf dem Flur unter Beobachtung schlafen muss. Und noch ein mal mehr
als ich in der Dunkelheit während ich mein Zimmer betrete erkenne
das keine andere Gestalt im zweiten Bett liegt.
Endlich Ruhe.
Zum Glück habe ich während der Fahrt hierher meine letzte
Schlaftablette genommen, für den Fall das ich hier nichts mehr
bekomme. Ich lasse mich in den Klamotten die ich seit Sonntag morgen
anhabe auf´s Bett fallen und ergebe mich meiner Müdigkeit.
Endlich schlafen.
//
Heute, Mittwoch der 11. Januar 2017
Fünf Wochen und zwei Tage später sitze ich im Aufenthaltsbereich der
offenen Station und bekomme mich vor lachen fast nicht mehr ein. Es
sind viele Gesichter gekommen und gegangen, ich habe viele Höhen und
noch mehr Tiefen erlebt und der Kampf ist noch lange nicht vorbei.
Aber die erste Schlacht ist geschlagen und gerade in diesem Moment
kann ich wirklich eine Art von Freude fühlen. Auch wenn diese Leere
immer noch da ist und ich meistens gar nichts fühle, weder Menschen
noch bestimmte Ereignisse können Gefühle in mir auslösen. Aber ich
kann wieder lachen und
mich für einen Moment freuen
hier zu sein mit diesen Menschen die alle ihre eigene Geschichte
haben und ihren eigenen Krieg führen mit sich selber. Jeder ist
kaputt auf seine eigene Art und Weise, aber wunderschön kaputt.
Denn
wir sind alle Kunst, gezeichnet vom Leben.

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